Ich war letzte Woche bei einem sehr interessanten Event in Wien. Es ging um die städtische Wärmewende und der Saal war mit fast 300 Leuten randvoll! Das Thema scheint endlich angekommen zu sein und mit diesem tollen Line-Up an Speakern scheint man den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Ich finde es toll, dass man sich dafür internationale Beispiele in die Bundeshauptstadt Österreichs geholt hatte. Es gab übrigens auch einige Twitterer unter den anwesenden und auch ich habe mal wieder einen „Live-Ticker“ gestartet. Hier alle Tweets mit dem Hasthag #wärmewende. Ich glaub überhaupt, dass das Wort Wärmewende auf Twitter noch nie so präsent war wie an dem Tag.

Was mich beim Event besonders gefreut hat war, dass eins meiner Lieblingsinstitute in meine Heimatstadt eingeladen worden war. Das Hamburg Institut beschäftigt sich ja als eines der wenigen Institute in Deutschland mit dem Thema Solarthermie und vor allem solarer Fernwärme intensivst und weiß daher auch um die verborgenen Potenziale Bescheid wie sonst kein anderes Institut. Es freut mich sehr, dass wir nach Herrn Sandrock, mit dem wir hier schon gesprochen haben, nun mit Christian Maaß, einem weiteren Geschäftsführer des Instituts sprechen durften.

Cornelia Daniel: Herr Maaß, Sie haben bei der Veranstaltung die Studie mit dem klingenden Titel „Fernwärme 3.0“ präsentiert. Was steckt dahinter?

Christian Maaß: Wir sind überzeugt, dass die Fernwärme eine wichtige Rolle für die Wärmewende spielen sollte. Im Moment tut sie das noch nicht, weil zu wenige Fernwärmeversorger in Erneuerbare Wärme investieren. Dabei bieten Fernwärmenetze die Chance, Erneuerbare Energien in größerem Maßstab und damit viel kostengünstiger zu integrieren als dies bei kleinen dezentralen Anlagen an Gebäuden möglich ist.

Bei Ihrem Vortrag haben Sie eingangs erzählt, wie schlecht es um die Wärmewende derzeit bestellt ist und dass der erneuerbare Anteil bei 10% seit Jahren stagniert. Wie ist Ihre Erklärung davon?

Aufgrund einer Änderung der Statistik bei der Anrechnung von Wärmepumpen-Strom, liegen wir neuerdings bei rund 12% Erneuerbare Wärme. Faktisch hat sich aber nichts verändert: Erneuerbare Wärme wird meist dezentral in Kaminöfen erzeugt. Diese Entwicklung ist für Städte sicherlich keine Zukunftsoption. Zukunftsweisende Technologien wie Geothermie, Solarthermie und Abwärmenutzung spielen bisher nur eine geringe Rolle.

Etwas später haben Sie aufhorchen lassen, als Sie meinten, dass das Allheilmittel Energieeffizienz nicht das wird leisten können, was viele erwarten. Könnten Sie nochmal erklären, warum Sie meinen, dass mehr als 50% Energieeinsparungen durch Effizienzmaßnahmen illusorisch sind und wir uns nicht darauf verlassen dürfen?

Wir brauchen deutlich mehr Anstrengungen bei der Sanierung, das ist unstreitig. Zugleich muss man sich vergegenwärtigen, dass die bisherigen Bemühungen nur bescheidenen Erfolg hatten: Seit 1990 ist der absolute Wärmebedarf für Wohngebäude nur um rund 12% gesunken – obwohl die Bundesregierung nach der Deutschen Einheit ein beispielloses Sanierungsprogramm aufgelegt hat und seitdem –zig Milliarden Fördergelder ausgegeben wurden. Die meisten tief hängenden Früchte sind bei der Gebäudesanierung bereits geerntet, die Sanierung wird tendenziell schwieriger und teurer. Jedes Jahr kommen neue Gebäude hinzu, die einen Teil der Einsparungen wieder aufzehren. Wenn man bei der Gebäudeeffizienz gegenüber dem heutigen Stand 50% einsparen will, dann müsste die Politik über Ordnungsrecht und Förderprogramme in ganz anderen Größenordnungen sprechen. Für beides sehe ich auf absehbare Zeit keinen politischen Willen. In der Effizienzpolitik setzt man sich seit langem ambitionierte Ziele – und ist bislang gescheitert. Deshalb ist es fahrlässig, wenn man weiterhin die Erneuerbare Wärme ignoriert und sich damit beruhigt, die Effizienz werde es schon richten. Damit läuft man Gefahr, dass Deutschland seine Klimaschutzziele nicht erreicht. Die Wärmepolitik braucht neben der Effizienzpolitik ein zweites Standbein, die Erneuerbaren Energien.    

Welchen Wert an Energieeffizienzeinsparungen halten Sie für realistisch bis 2030 bzw. 2050?

Wenn man bedenkt, dass wir in Deutschland rund 19 Millionen Gebäude haben, die nur alle drei oder vier Jahrzehnte saniert werden, dann ist 2030 praktisch schon übermorgen. In 14 Jahren kann man nur begrenzt etwas bewegen, selbst wenn die Bundesregierung in der kommenden Legislaturperiode doch noch eine verbesserte steuerliche Abschreibung für Sanierungen beschließt. Bis 2050 ist mehr möglich – auch, weil sich bis dahin technologisch neue Optionen bei der Gebäudedämmung ergeben werden. Wenn der Preis für Erdgas und Heizöl jedoch dauerhaft niedrig bleibt, wäre dies ein zusätzliches gravierendes Problem für die Wärmewende. Wichtig ist daher, so bald wie möglich eine ökologische Steuerreform durchzuführen, mit der Heizöl und Erdgas höher belastet werden – und die Steuerzahler entsprechend an anderer Stelle entlastet werden. Mit einer solchen konsequenten Politik kommt man bis 2050 hoffentlich auf eine Einsparung von 40% gegenüber heute.

In der Studie wird das Wärmenetz der Zukunft skizziert. Die untenstehende Grafik hat mich besonders beeindruckt, können Sie diese kurz erklären?

Die Fernwärme muss sich technisch-strukturell grundlegend verändern. Fernwärme heißt heute noch, Wärme aus wenigen, zentralen Quellen in Richtung Verbraucher zu verteilen. Die künftige Rolle von Wärmenetzbetreibern in größeren Städten liegt hingegen darin, teils volatile Angebote von Wärme und Abwärme aus unterschiedlichsten Quellen einzusammeln, zu speichern, Angebot und Nachfrage zu koordinieren und dabei Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dieses neue System wird in der Grafik skizziert.

Wärmenetz der Zukunft

(c) Hamburg Institut, Fernwärme 3.0

Es gab auch einige kritische Aussage zum Thema KWK. Was läuft in dieser Hinsicht derzeit falsch?

Die derzeitige Ausgestaltung der KWK-Förderung setzt falsche Anreize: Anstatt die KWK flexibel und am Strommarkt orientiert zu betreiben, wird KWK häufig wärmegeführt betrieben – selbst in Zeiten, in denen Windkraftanlagen wegen Netzengpässen abgeregelt werden. Viele Fernwärmenetzbetreiber kommen aufgrund diverser Förderungen wie vermiedenen Netzentgelten, der Steuerbefreiung für Erdgas-KWK und dem KWK-Bonus auf sehr niedrige Wärmegestehungskosten für KWK-Wärme. Das benachteiligt die Erneuerbare Wärme, die ohne die KWK-Quersubventionierung häufig schon konkurrenzfähig gegenüber Erdgaskesseln wäre.

Welche Rolle spielt die Solarthermie in Ihrer Studie?

Wir erwarten, dass sich diese Technologie noch stärker als bisher durchsetzen wird. In Dänemark entstehen dutzende Anlagen mit jeweils mehreren Hektar Kollektorfläche, die in Wärmenetze kleinerer und mittlerer Städte einspeisen. Gekoppelt mit großen, saisonalen Wärmespeichern kommt man auf solare Deckungsgrade von bis zu 50% – und das alles zu attraktiven Wärmepreisen.

Sie meinten, dass die große Solarthermie um 4-5 fach günstiger ist als die derzeit verbreitete kleine dezentrale. Warum passiert hier trotzdem so wenig?

Das hängt häufig auch an der Flächenfrage. In Deutschland heißt es häufig, Solarthermie gehöre auf die Dächer. Dabei wird vergessen, dass kleine Anlagen auf Dächern von Bestandgebäuden in aller Regel keine Alternative zu Erdöl und Erdgas darstellen, sondern immer nur eine kleine Ergänzung, mit der 10 oder 15% fossile Energien eingespart werden. Die Erneuerbaren Energien müssen aber auch im Wärmemarkt die tragende Rolle übernehmen und die fossilen Energien weitgehend verdrängen. Das geht nur, wenn man Wärme zu wettbewerbsfähigen Preisen erzeugt – bei der Solarthermie kommt man auf Wärmegestehungskosten von 3 bis 5 cent je kWh für Freiflächenanlagen. Deswegen müssen wir in Deutschland umdenken und auch der Solarthermie Flächen am Rand von Städten und Gemeinden zur Verfügung stellen. Im Vergleich zu Biomasse ist die Flächeneffizienz unschlagbar: Pro Quadratmeter erzielt Solarthermie rund 40-50 mal so hohe Erträge wie Biomasse (!! Das haben wir auch hier schon gezeigt) – und im Vergleich zu Maisäckern ist die Biodiversität deutlich höher.

Abschließend: Was bräuchte die Wärmewende jetzt um in die Richtung zu kommen, die Sie in der Studie vorschlagen?

Um es in ein paar Stichworte zusammenzufassen: Eine ökologische Steuerreform mit Fokus auf Erdgas und Heizöl, eine Nutzungspflicht für Erneuerbare Energien im Gebäudebestand, eine möglichst flächendeckenden kommunalen Wärmeplanung, eine grundlegende Reform der KWK-Förderung – und einen besseren Verbraucherschutz und mehr Bürgerbeteiligung für die Fernwärme. Nur wenn die Verbraucher mitziehen, kann die Fernwärme so ausgebaut werden, wie wir uns dies für die Wärmewende wünschen. Solange jedoch vielerorts Verbraucher den Verdacht hegen, vom örtlichen Monopolisten mit vermeintlich überzogenen Fernwärmepreisen zu einer Sonderabgabe für den kommunalen Haushalt herangezogen zu werden, entsteht nicht das nötige Vertrauen. Wir brauchen mehr Kontrolle, Transparenz und Bürgerbeteiligung, zum Beispiel über Bürgerenergiegenossenschaften als Betreiber von Wärmenetzen.

Vielen Dank für diese interessanten Einblicke. Hoffen wir, dass es die richtigen Leute lesen. Hier natürlich auch noch der Link zur Studie Fernwärme 3.0 und nun auch der gesamte Vortrag zum Nachschauen.

Bild: (c) Christian Maaß