Neue Interview Serie nach COP 21: Expertinnen sagen, was jetzt zu tun ist. Ist der Vertragsentwurf eine Enttäuschung?

Auch wenn der Rest der Medienwelt COP21 schon wieder vergessen zu haben scheint, lassen wir bei diesem Thema natürlich nicht locker. Mit dem neuen Jahr geht es weiter mit der Artikelserie, in der wir Energie- und Umwelt-Expertinnen, die an der Weltklimakonferenz COP21 (Conference of the parties 21) in Paris teilgenommen haben, zu Wort kommen lassen. Den Start machte Liane Schalatek von der Heinrich-Böll-Stiftung, Büro Washington DC. Heute steht uns Ulrike Röhr von GenderCC – Women for Climate Justice Rede und Antwort. Sie ist Expertin für Klima-Geschlechter-Gerechtigkeit. 

Ulrike Röhr, Sie waren auf der Weltklimakonferenz COP21 in Paris – was hat Sie auf das internationale Verhandlungsparkett geführt?

Ulrike Röhr: Ich bin seit vielen Jahren in die Klimaverhandlungen involviert. Bereits bei der COP1, die 1995 in Berlin stattfand, war es mein Anliegen, die technokratischen Verhandlungen um soziale Perspektiven – und hier vor allem die Frauen- und Genderperspektiven – zu erweitern. Das war zunächst ein sehr mühsamer Prozess, mit großen Widerständen und wenig Erfolg. In den letzten Jahren hat sich die Situation verändert, Frauen und Gender-Themen, aber auch weitere grundlegende Aspekte wie die der Human Rights, fanden immer mehr Aufmerksamkeit und Unterstützung sowohl in Regierungsdelegationen als auch bei den Beobachtern. Für mich sollte die COP21 in Paris der „krönende Abschluss“ dieser jahrelangen Mühen sein.

Würden Sie kurz Ihren Job skizzieren! Wer oder was ist genanet?

genanet (www.genanet.de) wurde vor fast 15 Jahren aufgebaut, um zum einen die Vernetzung von ExpertInnen, die zu Gender, Umwelt und Nachhaltigkeit arbeiten, zu fördern und zum anderen das Gender Mainstreaming in der Umweltpolitik – in Ministerien ebenso wie in Umweltverbänden – zu unterstützen. Wir arbeiten sowohl auf der ganz praktischen Ebene, indem wir Trainings durchführen, Informationen bereitstellen, beraten, aber auch auf der Ebene der Forschung, zum Beispiel zum Frauenanteil in der Erneuerbare-Energien-Wirtschaft, zu den Hindernissen von Frauen zu Ökostrom zu wechseln oder zur Umsetzung des Gender Mainstreaming in der Energie- und Verkehrspolitik in den Mitgliedsländern der EU.

Mit welchen Erwartungen / Forderungen fuhren Sie nach Paris? Was lag Ihnen besonders am Herzen?

Die Erwartung war nicht sehr hoch – konnte sie auch nicht sein, nach den nicht sehr positiven Erfahrungen bei den vielen Vorbereitungstreffen. Aber es blieb doch ein Fünkchen Hoffnung auf ein Klimaabkommen, das der Klimakrise gerecht wird, das fair gegenüber den Entwicklungsländern ist und die Menschenrechte und Genderperspektiven berücksichtigt. Dabei lag mir persönlich und uns als Organisationen, die zu Gender und Klima arbeiten, beides gleichermaßen am Herzen: ein adäquates Klimaabkommen mit konkreten Zielen und Zeitplänen und die Adressierung von (Geschlechter)Gerechtigkeit. Letzteres ist ohne ein starkes Abkommen wertlos, aber auch umgekehrt ist ein gerechtes Klimaabkommen ohne die Berücksichtigung von Frauen- und Menschenrechten kaum denkbar.

Wurden diese Erwartungen erfüllt?

Ganz klar: nein. Wir haben jetzt ein Abkommen, das sich auf eine globale Temperaturerhöhung von 2 Grad Celsius, möglichst sogar auf 1,5 Grad Celsius verpflichtet. Das ist gut, bleibt aber leider völlig inhaltsleer, weil Verpflichtungen zur Emissionsreduktion vor allem der Länder, die historisch für den Klimawandel verantwortlich sind, und auch entsprechende Zeitpläne völlig fehlen. Die im Vorfeld der COP21 von 149 Ländern eingereichten freiwilligen Reduktionsziele lassen uns auf 3 bis 4 Grad Celsius globaler Erwärmung zusteuern. Das Abkommen bleibt insgesamt sehr vage und unverbindlich, und wird kaum zu den nötigen Veränderungen führen. Das gilt vor allem für globale Gerechtigkeit, für „Climate Justice“, aber auch für die Geschlechtergerechtigkeit und die Menschenrechte. Die sind in letzter Minute vom verbindlichen Teil des Abkommens in dessen unverbindliche Präambel verschoben worden. Gerade angesichts des schwachen Abkommens wären die Menschenrechte, damit auch die Rechte von Frauen, immens wichtig gewesen, um gegen die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels und auch von manchen klimapolitischen Maßnahmen – Stichwort: Risikotechnologien – auf die Menschen und ihre Lebensgrundlagen vorgehen zu können.

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Gemeinsam mit anderen Klimaaktivisten, darunter von Greenpeace, hat unsere Interviewpartnerin Ulrike Röhr von GenderCC – Women for Climate Justice während der COP21 in Paris ein Zeichen für 100 Prozent Erneuerbare gesetzt, äh, besser: gelegt. Aktionsdesign: John Quigley Yann, Foto: Arthus-Bertrand

Inwiefern betrifft der Klimavertragsentwurf Technologien wie Solarthermie & Co.? Und was hat das Ganze mit dem „ewigen Kampf der Geschlechter“ zu tun?

Einer der Slogans von uns und vielen Umweltgerechtigkeitsorganisationen bei der Klimakonferenz lautete „System Change not Climate Change“ (Systemwandel statt Klimawandel). Systemwandel heißt auch: weg von risikoreichen Großtechnologien, hin zu dezentralen Technologien und zu Technologien in BürgerInnenhand. Da kommt natürlich auch die Solarthermie ins Spiel. Wir brauchen ein grundsätzliches Umdenken: das betrifft unsere Ökonomie ebenso wie unsere Lebensstile und unser Verhalten.

In allen Bereichen spielen die Geschlechterverhältnisse, oder „der ewige Kampf der Geschlechter“ eine Rolle. Wiederkehrende Fragen sind hier: Wer entscheidet, wessen Präferenzen fließen in Entscheidungen ein, wer profitiert, wer leidet unter den Folgen? Da zeigen dann deutlich die Macht- und Einkommensverhältnisse ihre Wirkungen, aber auch die Rollenverteilungen und der entsprechende Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Bekanntlich ist der Anteil von Frauen in technischen Berufen gering, und damit auch im Bereich der Erneuerbaren Energien. Dass hier allerdings der Frauenanteil in Entscheidungspositionen geringer ist als in der konventionellen Energiewirtschaft, erklärt sich daraus nicht und gibt zu denken.

Wenn Sie die COP21 bewerten sollten, welche Note bekäme sie und warum?

Benotungen sind vielleicht nicht das geeignetste Bewertungssystem, wenn 196 Staaten miteinander verhandeln und die meisten dabei vor allem ihre nationalen Eigeninteressen im Auge haben.

Es kommt halt sehr darauf an, was man bewertet. Die Organisation als solche? War super. Die Ergebnisse? Ungenügend, jedenfalls nicht ausreichend, um den Klimawandel zu stoppen und die Entwicklungsländer zu unterstützen. Die Partizipationsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft? Schlecht, die meiste Zeit fanden die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen statt. Die Lobbyarbeit der Frauen- und Umweltorganisationen? Gut, wenn auch das zentrale Ziel nicht erreicht wurde.

Das Ganze war eher wie ein großer Jahrmarkt: Neben den üblicherweise in den Verhandlungspausen stattfindenden „Side Events“, in denen Regierungen, Forschung, Zivilgesellschaft und natürlich die Wirtschaft Ergebnisse oder Erkenntnisse aus dem Klimabereich präsentieren und diskutieren, gab es diesmal von vielen Ländern Pavillons mit einem eigenen Programm – so dass man sich manchmal fragte, wann hier überhaupt noch verhandelt wird und wer verhandelt.

Wie beschreiben Sie das „Klima“ der Verhandlungen?

Die vorherige Antwort sagt ja auch schon einiges über das Klima aus. Da stehen die Länder, die historisch für den Klimawandel verantwortlich sind, denen gegenüber, die zwar nicht zum Klimawandel beigetragen haben, aber am heftigsten unter den Folgen leiden. Die, um sich dem Klimawandel anpassen und sich entwickeln zu können, zu Recht finanzielle Unterstützung verlangen, von denen aber im Gegenzug verlangt wird, dass sie auch ihre Emissionen reduzieren – obwohl deren Pro-Kopf-Emissionen deutlich geringer sind als bei uns. Dass das keine einfache Situation ist, kann sich jede/r vorstellen. Hier zeigt sich natürlich auch das globale Machtgefüge, in dem Gerechtigkeitsfragen keine Rolle spielen, dafür aber geschachert wird wie auf einem Basar: Nimmst du die Menschenrechte raus, stimme ich dir beim 2-Grad-Ziel zu.

Was hat Sie auf der Konferenz am meisten …

… beeindruckt?

Die Organisation von 30.000 Menschen, die täglich von Paris zum Konferenzort Le Bourget (15 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums) transportiert werden mussten, aber auch insgesamt die Organisation einer so riesigen Konferenz, plus der räumlich direkt neben der UN-Konferenz mit ihren eingeschränkten Zugangsmöglichkeiten liegenden „Climate Generation Area“, die für alle offen war und in der es neben einer großen Ausstellungsfläche auch viele Veranstaltungen gab.

… erfreut?

Die wachsende Klimagerechtigkeitsbewegung, mit ihren lebendigen Aktionen und auch der gute Cappuccino von mobilen Versorgungsstellen – überlebenswichtig, wenn man sich jeden Tag 12 bis 14 Stunden (in den letzten Tagen auch länger) im Konferenzzentrum aufhält.

… enttäuscht?

Neben dem Ergebnis vor allem die Einschätzung einiger VerhandlerInnen aus Industrieländern, unter anderen aus Deutschland und der EU-Ratspräsidentschaft, dass Gender und Menschenrechte „Verhandlungsmasse“ seien. Worum geht es denn bei den Verhandlungen, wenn nicht um Menschen und das Leben auf dem Planeten? Wie können deren Rechte Verhandlungsmasse sein angesichts untergehender Inselstaaten und verhungernder Menschen? Beschämt beschreibt mein Gefühl da vielleicht eher als enttäuscht.

Was ist nach COP21 zu tun?

Auf nationaler Ebene muss jetzt das getan werden, was international nicht möglich war: Die Geschwindigkeit hochfahren, mit der dem Klimawandel begegnet wird. Dazu müssen neue, innovative Wege beschritten werden und es müssen alle Bürgerinnen und Bürger einbezogen werden. Wir planen zum Beispiel für den 1. März 2016 eine Konferenz, bei der es um die Potenziale der Integration von Genderaspekten für eine wirkungsvolle Klimapolitik geht (www.gendernetclim.de/tagung). Technik allein wird die Klimakrise nicht lösen, wir brauchen einen grundlegenden Wandel. Unser Slogan bei einer der letzten Aktionen in Paris, als deutlich wurde, dass das Klimaabkommen nicht den Anforderungen von Klimagerechtigkeit entspricht, war „Wir sind nicht zu stoppen. Eine andere Welt ist möglich“. Das gilt es jetzt unter Beweis zu stellen.

Ulrike Röhr, herzlichen Dank für Ihre kritische Einschätzung der COP21-Verhandlungen und „Verhandlungserfolge“!

Foto: Ulrike Röhr (Titel), The aerial art installation „100 % renewables“ was designed by artist John Quigley (http://www.spectralq.com/Home.html) and shot by renowned photographer Yann Arthus-Bertrand (http://www.yannarthusbertrand.org/en).