Heute gibt es wieder einmal einen Artikel zur neuen Interviewserie, zu der wir verschiedene Energieagenturen  eingeladen haben. Unser heutiger Gesprächspartner heißt Dr.-Ing. Volker Kienzlen. Er führt die Geschäfte der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg GmbH (KEA). Die KEA wurde im Jahre 1994 gegründet und hat ihren Hauptsitz in Karlsruhe. Sie ist ein unabhängiges Dienstleistungsunternehmen, sie finanziert sich durch ihre Leistungen selbst. Hauptgesellschafter ist das Land Baden-Württemberg, mit fast 60 Prozent Geschäftsanteilen.

Energieberatung in Baden-Württemberg

Claudia J. Gasmi für Ecoquent Positions: Könnten Sie uns kurz einen Überblick über die Energieregion Baden-Württemberg geben? Gibt es vielleicht sogar Zahlen, wie weit das Land Baden-Württemberg bei der Energiewende ist und wie hoch der Anteil an Erneuerbaren derzeit ist?

Dr.-Ing. Volker Kienzlen, KEA: Baden-Württemberg mit über 50 % Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung ist naturgemäß von der Energiewende besonders betroffen. Da in der Vergangenheit der Ausbau der Windenergie sehr restriktiv gehandhabt wurde, ist Baden-Württemberg immer noch Schlusslicht bei der Windstromproduktion der Flächenländer. Dagegen finden sich nach Bayern die meisten Solarstromanlagen im Land. Als waldreiches Bundesland spielt auch die Nutzung von Holz eine wichtige Rolle. In Baden-Württemberg  wurden 2010 insgesamt 67,4 Mio. t CO2 emittiert, 43% davon stammen aus dem Wärmesektor. Beim Endenergiebedarf liegt der Anteil der erneuerbaren Energien heute bei 11 %. Bei Wärme liegt der Anteil bei 12%. Bei diesen Anteilen stellt sich immer die Frage nach der Größe des gesamten Kuchens. Die Wärmeeinsparpotentiale werden auch in Baden-Württemberg trotz vielfältiger Anstrengungen bisher noch deutlich zu langsam erschlossen. Hier brauchen wir nicht auf neue Technologien zu warten, zudem sind diese Maßnahmen bei einer Lebensdauerbetrachtung vielfach wirtschaftlich. Die ambitionierten politischen Ziele (24 % Anteil Erneuerbarer Energien  am Endenergiebedarf bis 2020 und 76 % bis 2050) werden, so eine Untersuchung des ZSW, nur erreichbar sein, wenn gleichzeitig der Energiebedarf drastisch reduziert wird.

Ecoquent Positions: Die Stromdebatte ist in vollem Gange. Über Wärme, welche meist den größeren Brocken der Energierechnung ausmacht, spricht jedoch niemand. Wie sehen Sie dieses Problem?

Dr.-Ing. Volker Kienzlen: Über die Aufmerksamkeit, die die EEG Umlage in der Presse bekommt, kann ich mich nur wundern. Seit dem Jahr 2000 sind die Energieausgaben Deutschlands um 40 % gestiegen. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien hat daran einen Anteil von 15 %, der Import der fossilen Energien jedoch einen Anteil von 60 %. (Quelle: Staiss/Nitsch). Für den Energieimport fließt heute annähernd zweieinhalb mal soviel Geld ins Ausland ab als noch im Jahr 2000! Der Fokus der KEA Klimaschutz- und Energieagentur liegt ebenfalls stärker auf dem Wärmebereich: Im Kommunalen Energiemanagement lässt sich in der Regel einfacher Wärme als Strom einsparen, bei Contracting-Projekten steht meist die Wärmeerzeugung und Verteilung im Vordergrund, Pumpen und Beleuchtungen sind eher nachgeordnet. Der Bereich Bioenergie und Nahwärme beschäftigt sich naturgemäß mit Wärmeerzeugung und –verteilung. Auch bei Zukunft Altbau geht es vorrangig um die energetische Gebäudesanierung und damit um Wärmeeinsparung.

Ecoquent Positions: Welche Kunden kommen zu Ihnen und wie wird geholfen? Eher Haushaltskunden oder auch Industrie?

Dr.-Ing. Volker Kienzlen: Wir beraten vorwiegend Kommunen und Unternehmen, der Haushaltskunde wendet sich nur mittelbar an die KEA: Zukunft Altbau als Informations- und Marketingprogramm des Landes liefert Materialien für den Endkunden und bietet ein Beratungstelefon. Die Besonderheit in Baden-Württemberg ist, dass es neben der KEA als Landesenergieagentur über 30 regionale Energieagenturen gibt, die Anlaufstelle für den Bürger sind. Damit haben wir in Europa das dichteste Netz an Beratungseinrichtungen.

Ecoquent Positions: Welche Heizmöglichkeiten beraten Sie am häufigsten? Worauf sollten Sanierer und Neubauerrichter besonders achten?

Dr.-Ing. Volker Kienzlen: Nicht die Erzeugung sondern die Einsparung steht in der Regel an erster Stelle. Ein neuer Wärmeerzeuger ist dann erst die zweite Stufe, da zunächst zu klären ist, wieviel Wärme denn überhaupt noch erforderlich ist. In Wärmenetzen geht es eigentlich immer um KWK, oft in Verbindung mit einem Hackschnitzelkessel. Auch bei großen Einzelobjekten stellen wir sehr oft fest, dass ein Blockheizkraftwerk in der Grundlast wirtschaftlich ist. Diese Technologien spielen allerdings im Einfamilienhaus keine Rolle. Für den Sanierer gilt dasselbe Prinzip: erst vermeiden und den Restbedarf möglichst effizient und möglichst mit Hilfe erneuerbarer Energie erzeugen. Präferenzen bezüglich einzelner Technologien haben wir dabei nicht.  Im Neubau sind wir der Überzeugung, dass ein Gebäude schlechter als ein Passivhaus der Altbau der Zukunft ist. Da die EU-Gebäuderichtlinie ab 2020 sowieso den Nahe-Null-Energiestandard vorschreibt, ist jeder Bauherr gut beraten, sich heute schon für diesen Standard zu entscheiden. Damit hat die Frage der Beheizung eine sehr untergeordnete Bedeutung: Eine Abluftwärmepumpe oder ein Pelletsofen und eine kleine thermische Solaranlage reichen aus, um den geringen Restwärmebedarf zu decken.

Ecoquent Positions: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Solarthermie für die nächsten Jahre ein?

Dr.-Ing. Volker Kienzlen: Auch wenn Solarthermie derzeit neben der boomenden Photovoltaik derzeit ein Stiefkind ist, glaube ich doch fest an diese robuste und effiziente Technologie. Insbesondere in Wärmenetzen machen uns unsere Nachbarn im Norden vor, dass mit Solarthermie sehr wirtschaftlich Wärme erzeugt werden kann. Niedrige Rücklauftemperaturen in den Netzen sind natürlich eine Voraussetzung. Solche Freiflächenanlagen sind für weniger als ein Viertel des Preises herkömmlicher Kleinanlagen fürs Einfamilienhaus zu bekommen. In Dänemark werden in den kommenden Jahren viele Systeme mit deutlich über 1000 m² Fläche entstehen. Da erwarte ich auch bei uns eine ähnliche Entwicklung – jedoch vorwiegend im ländlichen Raum und nicht in der Großstadt.

Ecoquent Positions: Was müsste für eine Entwicklung, ähnlich dem PV-Bereich, passieren?

Dr.-Ing. Volker Kienzlen: Viele Modelle wurden dazu in den vergangenen Jahren diskutiert. Am wirkungsvollsten erscheint mir eine Umlage auf fossile Energieträger – proportional zu ihrem ökologischen Fußabdruck. Die dann wirklich vom Bundeshaushalt unabhängigen Mittel können für eine dauerhaft solide Finanzierung attraktiver Förderprogramme genutzt werden. Ich denke, bei Solarthermie brauchen wir ein paar gute Beispiele, in denen die Erfahrungen aus Dänemark genutzt werden. Wenn bei uns tatsächlich dieselben Ergebnisse erzielt werden, braucht es für solche Systeme keine besondere Förderung mehr. Wir stellen schon heute großes Interesse an diesen Systemen fest sodass ich hier bald mehr Beratungsbedarf erwarte.

Danke für das Interview, Herr Dr.-Ing. Kienzlen.

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Dr.-Ing. Volker Kienzlen von der KEA Baden-Württemberg

Bilder: (C) Dr.-Ing. Volker Kienzlen | Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg