Pünktlich zum Start der Solar District Heating Konferenz an der wir leider nicht teilnehmen konnten, ein absolut geniales Interview über solare Fernwärme mit Dr. Matthias Sandrock, einem der Geschäftsführer des Hamburg Institutes.

Cornelia Daniel-Gruber: Herr Sandrock, Sie arbeiten im Hamburg Institut, eines meiner Lieblingsinstitutionen wenn es um die Wärmewende geht. Deshalb erstmal eine sehr allgemeine Frage. Was ist Ihrer Aufgabe im Hamburg Institut und wie geht es der Wärmewende Ihrer Meinung nach?

Matthias Sandrock: Vielen Dank für die Wertschätzung gegenüber unserem Institut. Das Hamburg Institut habe ich mit drei Partnern gemeinsam gegründet und bin einer der Geschäftsführer. Wir wollen, dass die Energiewende ein Erfolg wird und bieten dazu praxisorientierte Strategieberatung für Ministerien, Kommunen, Unternehmen und Organisationen an. Mein Beratungsfokus liegt in der Entwicklung von Energie- und Klimaschutzstrategien auf der Basis von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien – insbesondere im Wärmesektor. Bisher ist der Wärmebereich ein Stiefkind der Energiewende – eine Wärmewende ist für mich in Deutschland nicht erkennbar. Im Gegenteil fehlt es aus meiner Sicht an einer nachhaltigen Wärmepolitik, die Gebäudeeffizienz, Anlagentechnik und soziale Aspekte gemeinsam betrachtet und auch als Aufgabe langfristiger Infrastrukturplanung begreift.

Cornelia Daniel-Gruber: Ich habe gesehen Sie beschäftigen sich mit außerordentlich spannenden Themen wie der Integration von erneuerbaren in Wärmenetze. Können Sie uns kurz etwas über das Projekt SmartReFlex erzählen?

Matthias Sandrock: Ja, ein wichtiger Bestandteil langfristiger Infrastrukturpolitik könnten auch Wärmenetze sein. Über Wärmenetze ist es möglich, viele Abnehmer gerade in den Städten kostengünstig mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Das vor kurzem gestartete EU-Forschungsprojekt SmartReFlex hat das Ziel, die technischen, rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen zur Integration erneuerbarer Energien in Wärmenetze zu analysieren und zu optimieren. Dazu schauen wir auch viel auf Dänemark und werden versuchen, mit unseren dänischen Partnern im Projekt möglichst viel von deren positiven Erfahrungen in andere Länder zu übertragen.

Cornelia Daniel-Gruber: Wie man auch im Blog sehen kann, finde ich solare Fernwärme großartig und würde mir wünschen, dass dieses Thema nicht nur in Dänemark so groß wäre. Was müsste passieren, dass das auch hier in Deutschland und Österreich mehr passiert?

Matthias Sandrock: Die Erfolgsstory der solaren Fernwärme in Dänemark hängt von vielen Faktoren ab. Sie ist aber vor allem ein Beispiel dafür, wie wichtig eine langfristig orientierte und verlässliche Wärmepolitik ist. Dänemark verfolgt seit vielen Jahren eine nationale Strategie, um eine flächendeckende Wärmenetzinfrastruktur auszubauen, die mehr und mehr auf erneuerbaren Energien basiert. Dabei hat Dänemark durch die hohe Besteuerung fossiler Brennstoffe, günstige Kredite und die staatliche Preisaufsicht energiepolitische Leitplanken errichtet, die dafür ein verlässliches Investitionsklima geschaffen haben. Dass die solare Fernwärme in Dänemark derart wächst, ist insofern auch ein Erfolg der staatlichen Regulierung. In Deutschland und Österreich hat man sich trotz des Preisschocks der ersten Ölkrise viel mehr auf den „freien“ Markt verlassen und statt einer Besteuerung fossiler Brennstoffe auf den Emissionshandel. Aus meiner Sicht wäre es hilfreich, wenn auch in Deutschland und Österreich eine verpflichtende kommunale Wärmeplanung etabliert würde und man Politikinstrumente für den Fernwärmesektor zur langfristigen Umstellung auf erneuerbare Energien mit fairen Geschäftsmodellen für die Akteure, hoher Transparenz und Verbraucherfreundlichkeit entwickelt.

Cornelia Daniel-Gruber: Es gibt Stimmen, dass die solare Fernwärme in Dänemark nur deshalb funktioniert, weil der Platzhirsch auch staatlich sehr stark unterstützt wird und noch dazu nur einen einzigen Kollektor produziert. Ist dies das Erfolgsrezept?

Solare Fernwärme, Röhrenkollektor

Solare Fernwärme in Büsingen

Matthias Sandrock: Die Kollektorherstellung in Dänemark ist ja wie in Deutschland privatwirtschaftlich organisiert. Letztlich hat sich dort der Markt von den Einzelhaus-Anlagen hin zu beinahe großtechnischen Anlagen mit tausenden Quadratmetern Kollektorfläche entwickelt und die Produkte wurden über viele Jahre entsprechend optimiert. Dies ist dann ja ökonomisch getrieben. Der dänische Sinn für kostenoptimierte und einfache Lösungen imponiert mir dabei sehr. Wo liegen Ihrer Erfahrung nach die Wärmegestehungskosten für solare Fernwärme derzeit in Deutschland und wo müssten sie hin, um konkurrenzfähig zu werden? Dazu muss man ja leider sagen, dass es in Deutschland solare Fernwärme nach dänischem Vorbild mit frei aufgestellten Anlagen (abgesehen von der in Relation deutlich kleineren Anlage in Büsingen) noch nicht gibt. Ich bin aber sehr überzeugt davon, dass sich dies bald ändern wird. Bei der Angabe von Wärmegestehungskosten muss man immer genau schauen, welche Kosten in der Rechnung einbezogen sind. Aus meiner Sicht sollten Wärmegestehungskosten von 45-50 Euro je MWh realisierbar sein. Wenn sie das mit den Gestehungskosten von Wärme aus einem Gaskessel vergleichen, der in der gleichen Größenordnung liegt, ist Solarwärme heute schon konkurrenzfähig. Und die vermeintlichen Kostenvorteile der Wärme aus KWK schmelzen vor dem Hintergrund des sich rasant ändernden Strommarkts dahin wie Butter in der Sonne.

Cornelia Daniel-Gruber: Was würden Sie den Herstellern und Projektieren von solaren Fernwärmeanlagen in Deutschland und Österreich mitgeben?

Matthias Sandrock: Mehr Selbstvertrauen. Solare Fernwärme ist unverzichtbar, um den Transformationsprozess im Wärmesektor hin zu erneuerbaren Energien zu schaffen. Gerade in der heutigen Situation, in der die gesamte Energiewirtschaft sich zurück hält mit Investitionen, weil niemand weiß, wie sich der Markt und die Preise entwickeln, da kann die Solarthermie Kostensicherheit geben. Die notwendigen Investitionen lassen sich gut kalkulieren und abzinsen. Brennstoffkosten fallen dann keine mehr an. Es wäre so möglich, eine langfristige Wärmepreisgarantie für die Solarwärme zu geben. Da kann kaum eine andere Technologie mithalten.

Cornelia Daniel-Gruber: Warum werden nicht alle Biomasseanlagen flächendeckend mit einer Anlage ausgestattet, wenn Rohstoffe wie Holz immer knapper und teurer werden?

Matthias Sandrock: Vermutlich fehlen den Eigentümern darüber die nötigen Informationen und oftmals sicher auch Scheu vor einer neuen Investition, gerade wenn die Biomasse-Anlagen wegen der Brennstoffpreise zunehmend wirtschaftlich in Schwierigkeiten kommen. Was wäre die wichtigste politische Entscheidung, die diesem Thema zuträglich wäre? Die wichtigste Entscheidung wäre aus meiner Sicht, sowohl die Fernwärme als auch die Solarthermie aus ihrem energiepolitischen Schattendasein heraus zu führen. Dies sollte gekoppelt werden mit einer ernst gemeinten langfristigen Zielsetzung, den Wärmesektor sukzessive aber verlässlich auf erneuerbare Energien umzustellen. Dann kommt die solare Fernwärme ganz von allein.

Cornelia Daniel-Gruber: Vielen Dank für dieses spannende Interview und dem virtuellen Schubser für die Branche.

Bilder: Hamburg Institut, Ritter XL Solar