Wir Deutschen haben’s ja mit dem Wenden. Politisch geglückt ist es uns 1989 – eine Leistung, die ihresgleichen sucht. Nun steht die Energiewende ins Haus. Buchstäblich. Und damit die vielen deutschen Eigenheimbesitzer sich auch sachgerecht über energetische Sanierungsmaßnahmen informieren können, hat ein Bündnis aus Politik und Wirtschaft eine bundesweite und branchenübergreifende Informationsoffensive gestartet: die Kampagne „Die Hauswende“. Ein Schelm, der dabei jetzt an Hauswände denkt.

Informationsoffensive, das klingt erst einmal ziemlich gewaltig. Und in Aufwand und Kosten gesprochen ist sie das auch: Hinter dem Steuer der Kampagne „Die Hauswende“ steht die Deutsche Energie-Agentur (kurz: dena). Initiiert hat sie die Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (ggea) und Träger sind unter anderem das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), das Bundesministerium für Umwelt, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) sowie relevante Branchenverbände, zum Beispiel der Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik e.V. (BDH), der Gesamtverband Dämmstoffindustrie e. V. (GDI), der Verband Fenster + Fassade (VFF) sowie der Bundesverband Flachglas (BF), und zahlreiche Unternehmen, heißt es in der Presseerklärung, die zum Start der Kampagne veröffentlicht wurde. 1,3, Millionen Euro steckt die Bundesregierung ins Projekt, das vor allem Eigenheimbesitzer neutral und fachgerecht darüber informieren soll, was in Sachen energetische Sanierung machbar ist.

Online-Portal „die-hauswende.de“ informiert sanierungswillige Eigenheimbesitzer über Maßnahmen, Förderungen und Fachleute

Die zur Kampagne gehörende Internetseite www.die-hauswende.de hilft Sanierungsinteressierten, Energie-Fachleute in ihrer Nähe zu finden und zeigt Fördermöglichkeiten auf. Der „Sanierungskonfigurator“ biete außerdem online eine erste Orientierung, wohin die Reise gehen kann: Anhand

  • der Angaben über bereits durchgeführte Sanierungsmaßnahmen,
  • des Schornsteinfegerprotokolls (wenn vorhanden)
  • und der Kostenabrechnung der letzten Heizperiode

zeige er, wie viel Energie man mit welcher Modernisierungsmaßnahme einsparen könne.

Der erste Paukenschlag zum Start der Kampagne ist erklungen (Bundesbauministerin Dr. Barbara Hendricks, auf unserem Titelbild die Dritte von links, hat die Kampagne in Berlin gestartet) – ein ganzes Konzert soll folgen. In Form einer bundesweiten Anzeigenkampagne und rund 100 Info-Veranstaltungen in vielen Regionen des Landes, auf denen sich sanierungswillige Verbraucher aus erster Hand Infos holen könnten – von lokalen Energie-Experten, regionalen Energie-Agenturen und Handwerkern. So heißt es zumindest in einer Hintergrunderklärung zur „Hauswende“ seitens der dena.

Gebäude-Sanierung: Der energetische Sanierungsbedarf ist hoch

Zentraler Begriff der Kampagne ist „Sanierung“. Ganz klar, es geht hier nicht um Neubauten (die Neubaurate liegt laut der dena bei unter 1 Prozent!), sondern den Gebäudebestand in unserem Land. Und der ist alles andere als energetisch zukunftstragend, sprich: energieeffizient ausgerichtet. Die 18,2 Millionen Wohngebäude (83 Prozent davon = 15,1 Millionen sind Ein- und Zweifamilienhäuser) seien Großteils (die dena beziffert ihren Anteil auf 70 Prozent, der Anteil der Ein- und Zweifamilienhäuser entspreche hier: 62 Prozent) aus Zeiten vor der ersten Wärmeschutzverordnung von 1979.

Den Sanierungsbedarf belegt die dena mit diesen Fakten:

  • Rund 65 Prozent der Fassaden seien demnach  nicht gedämmt. Bei weiteren 20 Prozent entspräche die Dämmung nicht dem heutigen technischen Stand (Dämmstärken unter 10 Zentimeter).
  • Rund 30 Prozent der Dächer seien ebenfalls noch ungedämmt. Bei weiteren 35 Prozent entspräche die Dämmung nicht dem aktuellen technischen Stand (Dämmstärken unter 14 Zentimeter).
  • Rund 60 Prozent der Fenster seien energetisch nicht auf dem neuesten Stand (U-Werte = Wärmedurchgangskoeffizient über 1,4 W/(m²K)).
  • Circa 80 Prozent der Gas- und Ölheizungen in deutschen Heizungskellern entsprächen nicht dem Stand der Technik.
  • Erneuerbare Energien: Nur etwa 13 Prozent heizen mit Holz oder Wärmepumpen, nur neun Prozent verfügen über Solarkollektoren.

Das Sanierungspotential deutscher Gebäude ist groß, keine Frage. Derzeit liegt die Sanierungsrate des Gebäudebestandes bei gut einem Prozent – übers Jahr betrachtet. Will die Regierung ihre Energiewende-Ziele, unter anderem die Senkung des Primärenergieverbrauchs bei  Wohn- und Nichtwohngebäuden um 80 Prozent bis 2050, erreichen, müsste sie die Quote auf mindestens 2,5 Prozent pushen, schreibt die dena

Und das auch mittels einer Info- und Motivations-.Kampagne wie „Die Hauswende“?

Die Frage stellt auch Energieblogger Andreas Kühl: Er fragt hier, ob man die Zielgruppe der Kampagne, die ja eine Anzeigenkampagne ist, überhaupt damit erreicht. Sein Fazit: „Es wurde wieder mal von oben herab eine Kampagne geplant, wie so oft. Leider besteht da wieder die Gefahr, dass man am Kunden, den Besitzer von Ein-und Zweifamilienhäusern, vorbei plant.“

Berechtigt ist auch die Frage danach, wie produktneutral die Beratung der Verbraucher tatsächlich erfolgen könne, wenn große Firmen mit eigenem unternehmerischen Ziel Partner der Kampagne „Die Hauswende“ sind. Der Energiesparmeister fragt zu Recht: „Wer führt die Beratungen durch? Energieberater, Energieagenturen oder die großen Firmen?“

 

Fragen muss man an dieser Stelle auch, ob eine Kampagne wie „Die Hauswende“ grundsätzlich ein Signal zum Wenden in Richtung energieeffizienter Zukunft sein kann (oder nur Ausdruck teuer finanzierten politischen Aktionismus ist), das von denjenigen, die letztendlich wenden müssen, also den Eigenheimbesitzern, auch tatsächlich gehört wird. So manches Signal ist schließlich schon überhört worden. Oder, um es kampagnengetreu zu formulieren: So manches Plakat ist trotz schönen Motivs und ehrenwerten Motivationsziels schon unbesehen von der Hauswand geblättert.

Und angemerkt wollen wir an dieser Stelle auch haben: Die Energiewende in Häppchen wie Stromwende, Wärmewende, Verkehrswende und nun auch noch Hauswende zu servieren, sprich: politisch und wirtschaftlich anzugehen, ist schon sehr schlau. Solche Häppchen lassen sich immerhin Stück für Stück verdauen und das Risiko, sich am (zu) großen Happen Energiewende zu verschlucken, ist geringer. Und: Langsames Essen macht schließlich schneller satt – mitunter bleibt sogar noch was auf dem Teller … Nach uns die Sinflut!

Foto: dena

v.l.n.r.: Andreas Lücke (Hauptgeschäftsführer Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik, BDH), Manfred Greis (Präsident Bundesindustrieverband Deutschland Haus-, Energie- und Umwelttechnik, BDH), Dr. Barbara Hendricks, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Stephan Kohler (Sprecher der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea) und Vorsitzender der dena-Geschäftsführung), Marianne Tritz (Geschäftsführerin Gesamtverband Dämmstoffindustrie, GDI), Ulrich Tschorn (Geschäftsführer Verband Fenster + Fassade, VFF)