Die Ritter Gruppe heimste vor wenigen Wochen für ihr bahnbrechendes Projekt zur solaren Kühlung mit Dampf bereits den OTTI-Innovationspreis 2015 ein (wir berichteten). Und schon folgt die zweite Auszeichnung: Der Intersolar Award 2015. Grund genug für uns, die Frau zu Wort kommen zu lassen, deren „Baby“ das Projekt ist: Irmgard Bauer, Projektingenieurin Solarsysteme bei der Ritter Energie- und Umwelttechnik GmbH & Co. KG (im Titelbild ganz rechts zu sehen).

InterSolar Award 2015 für Ritters Dampfmaschine

Die „Ritters“ bei der Intersolar Award Preisverleihung, Bereichsleiter Solarsysteme und Wärmeerzeuger Kai Wendker (2. v.l), und Irmgard Bauer, Projektingenieurin Solarsystem der Ritter Gruppe (1.v.r.)

 

Irmgard Bauer, Sie haben gerade den Intersolar Award 2015 entgegen genommen. Stellen Sie uns das ausgezeichnete Solarthermie-Projekt bitte kurz vor!

Es handelt sich um eine Anlage zur solaren Kühlung, die Kälte für die Gebäudekühlung in einem Dampfstrahlapparat erzeugt. Dazu wird Dampf verwendet, der direkt in den Edelstahlregistern unserer Vakuum-Röhrenkollektoren erzeugt wird. Zur Unterstützung kamen zwei innovative Speicher zum Einsatz – ein Latentwärmespeicher und ein Latentkältespeicher.

Das Projekt wurden von vier Projektpartnern, dem Fraunhofer Institut UMSICHT, der Hochschule Karlsruhe, der GEA Wiegand und der Ritter Energie- und Umwelttechnik durchgeführt. Es wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert (BMBF Förderzeichen 033RI0908B).

Was ist das Innovative an diesem Projekt, was war die wissenschaftliche beziehungsweise  technische Herausforderung daran?

Die direkte Dampferzeugung in Vakuumröhrenkollektoren ist bisher weltweit einmalig.Herausfordernd war es, das technische und wissenschaftliche Know-how aus bisher unabhängigen Bereichen, nämlich der Dampferzeugung und der Vakuum-Röhrenkollektor-Technologie, miteinander zu verknüpfen und ein funktionierendes System zu realisieren.
Eine besondere Herausforderung war auch die Umsetzung der Doppelnutzung, da dasselbe Kollektorfeld sowohl für die Dampferzeugung und damit Kühlung im Sommer, als auch für unsere Standardbetriebsart, die Wassererwärmung beziehungsweise Heizung in der kälteren Jahreszeit, genutzt wird.

Und wie lange haben Sie daran gesessen?

Das Projekt hat im Jahr 2010 mit Vorversuchen zur Dampferzeugung im Kollektor begonnen. Insgesamt waren es also fünf Jahre. Einen großen Teil der Arbeit bei den Vorversuchen hat ein Masterstudent, Yunjun Dong, übernommen, der inzwischen als Ingenieur bei uns arbeitet. Unterstützt wurden wir beide sehr von unseren Kollegen aus der technischen Abteilung. Insgesamt gab es immer wieder längere Pausen, zum Beispiel beim Warten auf die Baugenehmigung. Ca. 250 Arbeitstage war ich tatsächlich mit dem Projekt beschäftigt.

Was war/ist Ihr Anteil an dem Projekt?

Mein Anteil war einerseits die Planung und Erforschung der Dampferzeugung im Vakuumröhrenkollektor. Es mussten die Regeln erarbeitet werden, die aufgrund der neuen Anwendung bei der Konstruktion, Ausführung und Regelung des Kollektorfeldes eingehalten werden mussten.

Andererseits war ich verantwortlich für die Leitung des Projekts bei der Ritter Energie- und Umwelttechnik. Das Gesamtprojekt wurde vom Fraunhofer Institut UMSICHT in Oberhausen geleitet und die Projektleitung bei Ritter XL Solar, die das Kollektorfeld in Karlsruhe planten und ausführten, lag bei Alexander Jandrey.
Wegen der Projektleitung gab es einige administrative Aufgaben für mich, wie das Beantragen von Fördergeldern, die Teilnahme an Meetings, Vorträge, Diskussionen und das Erstellen von Projektberichten.

Frau Bauer, was bedeutet Ihnen die nun schon zweite Auszeichnung des Projekts?

Diese Auszeichnungen sind natürlich eine schöne Anerkennung für mich und auch für die gesamte Firma, die sich mit diesem Projekt auf ein ganz neues Technologiefeld vorgewagt hat und damit natürlich auch ein Risiko eingegangen ist.
Der erfolgreiche Projektabschluss ist hoffentlich ein Signal für die Solarbranche, die Politik und auch für potentielle Kunden, dass das Potential der Solarthermie, insbesondere mit Vakuum- und Plasmatechnologie, noch lange nicht ausgereizt ist. Es lohnt sich einfach, die Chancen zu nutzen, die sich hier zur Primärenergieeinsparung und CO2-Reduktion im Wärmemarkt bieten.

Und wohin soll die Reise gehen: Was sind die Pläne für das Projekt?

Die Pilotanlage demonstriert eindrucksvoll die Funktion des Systems und die Leistungsfähigkeit unserer Kollektoren.
Ganz besonders beeindruckend war für mich die Zusammenarbeit mit Ritter XL Solar, da durch standardisierte Komponenten und Prozeduren und die große Erfahrung in der Ausführung von großen Solaranlagen vieles automatisch und schnell ablief, fast möchte ich sagen: lautlos. Da ist die Dampferzeugung als Anwendung für die Kollektoren noch nicht so weit.
Die solaren Großanlagen von Ritter XL Solar zur Bereitstellung von Prozesswärme durch Wassererwärmung, mit Schwerpunkt im Bereich von 80 bis 120 Grad Celsius sind ja schon jetzt technisch einfach zu realisieren und standardisiert und erreichen in Deutschland schon heute Amortisationszeiten von unter zehn Jahren und Wärmepreise von umgerechnet um 5 Cent pto Kilowattstunde.
Das ergibt für ihre Anwendung ein weites Feld, dessen Potential jetzt erschlossen werden kann und muss.

Das klingt, als hätten Sie eine Idee …

Ein Einstieg in den Markt für Prozessdampf könnte solare Großanlagen für neue Kundschaftskreise interessant machen, zum Beipsiel in der chemischen Industrie. Denkbar sind außer dem Einsatz als Antrieb für die solare Kühlung ja auch Heiz- oder Reinigungszwecke. Wir müssen jetzt abwarten, ob die aktuellen und zukünftigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in diesen Geschäftsfeldern eine Nachfrage nach Solardampf begünstigen. Dann können wir die Regelung innerhalb von ein bis zwei Jahren für die Anwendungsbereiche mit der größten Nachfrage fertig entwickeln und haben ein marktreifes Produkt.

Frau Bauer, wenn wir Sie schon mal hier haben – erzählen Sie doch bitte noch etwas zu Ihrer Arbeit: Was ist Ihre Aufgabe im Unternehmen, womit beschäftigen Sie sich tagtäglich?

Seit meinem Wechsel zu Ritter im Jahr 2007 habe ich einige Entwicklungs- und Forschungsprojekte zu Vakuum-Röhrenkollektoren, innovativen solaren Heizsystemen und Prozesswärme- und Prozessdampf-Anwendungen durchgeführt. Dazu gehörten die Forschungsprojekte zu solarer Kühlung und die Erforschung von Dampfzuständen und der direkten Dampferzeugung im Vakuum-Röhrenkollektor.
Außerdem habe ich mich mit dem Themenkreis Werkstoff – Wärmeträger – Korrosion beschäftigt, speziell mit der Verwendung von Wasser als Wärmeträger in Vakuum-Röhrenkollektoren. Dazu kam die Auswahl, Erprobung und Einführung eines neuen Register-Werkstoffs und einige theoretische und praktische Untersuchungen zur Optimierung und Entwicklung von Solarkreis-Komponenten und Speichern.

Und wie kamen Sie überhaupt zur Solarthermie?

Mit dem Thema „Erneuerbare Energien“ habe ich mich schon in meiner Jugend beschäftigt, da damals schon klar wurde, dass im Energiebereich neue Antworten gefunden werden mussten. Das war nach der Ölkrise und als immer mehr erkannt wurde, dass die Kernenergienutzung nicht die Lösung für kommende Generationen sein kann. Damals gab es aber noch keine dementsprechenden Studiengänge, also habe ich erst einmal Maschinenbau studiert und immerhin an der Hochschule Karlsruhe die Vertiefungsrichtung „Kälte-, Klima- und Umweltverfahrenstechnik“ wählen können, um meinem Ziel – einer Arbeit im Bereich der erneuerbaren Energien – etwas näher zu kommen.

Nach meinem Abschluss und einer Kinder-„Pause“ … war ich dann zunächst in der Kältetechnik tätig und kam über das Thema „Solare Kühlung“ zur Solarthermie und zur Firma Ritter.

Wir schreiben unser Blog ausschließlich in weiblicher Besetzung. Kennen Sie unser Blog? Wo sehen Sie unsere Stärken, wo Schwächen? Was könnten wir besser machen, welchen Themen sollten wir uns stärker widmen?

Das Blog kenne ich, weil wir uns in der Firma immer wieder gegenseitig auf interessante Beiträge aufmerksam machen. Ich finde es gut, dass in dem Blog versucht wird, die Kluft zwischen Profis und Laien zu überwinden und denke, dass das auch ganz gut gelingt.

Manchmal frage ich mich aber, ob der Blog nicht noch bekannter, vielseitiger und vielleicht auch „skandalöser“ werden könnte. Das kann ich aber nicht wirklich beurteilen, da ich privat nicht so sehr in den „Netzwerken“ unterwegs bin.

Das ist auf jeden Fall eine Diskussion wert. Ich werde Ihren Wunsch nach skandalöseren Inhalten gerne mit den Kolleginnen bereden.

Meine letzte Frage (eigentlich sind es drei) an Sie ist eine von Frau zu Frau: Gibt es viele Frauen in der Solarthermie-Branche? Begegnen Sie Vorurteilen seitens männlicher Kollegen, die Sie unterschätzen? Existiert womöglich ein Frauenpower-Netz mit Kolleginnen?

Hier bei Ritter habe ich erfreulicherweise schon einige kompetente Kolleginnen. Insgesamt dürfte die Branche für meinen Geschmack noch etwas besser durchmischt sein. Das wird aber, wie in anderen technisch ausgerichteten Bereichen, sicher noch etwas dauern.

Vorurteilen begegne ich weniger bei Kollegen, als eher bei Außenstehenden, zum Beispiel Kunden oder Lieferanten. Da kommt es schon vor, dass ich am Telefon oder zu Beginn eines Gesprächs die Frage zu hören bekomme, ob ich eine bestimmte Frage „an einen Kollegen aus der Technik“ weiterleiten könne.

Und können Sie?

Ich leite die Frage dann eben an mich selbst weiter und bisher waren die Fragenden dann auch zufrieden… (lacht)

Zur Netzwerkfrage: Es gibt zwar beim VDI eine Abteilung fib – „Frauen im Ingenieurberuf“, aber mir fehlt ein bisschen die Zeit und vielleicht auch die Neigung zum Netzwerken. In dieser Beziehung ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich – ingenieurtypisch – lieber in meiner Ecke tüftle.

Frau Bauer, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!

Gerne.

Fotos: (Titelfoto: (c) Dachgold, Preisverleihung (c) Ritter Gruppe