Interview mit dem Projektierer, Planer und Umsetzer Harald Kuster von FIN – Future is Now aus Salzburg.

Energieberater Foto: Neumayr/MMV 28.04.2011

Harald Kuster von FIN – Future is Now

Ich bin über einen Artikel in der Zeitschrift Lebensart über den Österreicher Harald Kuster gestolpert und vor allem ein Satz hat mich gefesselt: „Vollsolare Systeme sind die Formel 1 der Haustechnik„. Das nenn ich mal eine Ansage und da ich mich selbst ja seit Jahren mit dem Zusammenspiel der Erneuerbaren und dem „goldenen Trio“ wie ich es gerne nenne, beschäftige, bin ich natürlich gespannt was Herr Kuster uns zu erzählen hat.

Herr Kuster, verstehe ich das richtig, dass Sie sich auf vollsolare Systeme spezialisiert haben? Sie errichten also Häuser und Gewerbebetriebe, die zu 100% solar betrieben werden, wie funktioniert das und wie sind Sie dazu gekommen?

Ja, das ist richtig. Wir haben uns auf vollsolare Heizsysteme spezialisiert und setzen diese Systeme in verschiedensten Objekten wie Gewerbebetrieben, Industriebetrieben, Veranstaltungszentren, Sportstätten, aber auch im mehrgeschoßigen Wohnbau sowie in Einfamilienhäusern um.

Die vollsolare Beheizung funktioniert über das Zusammenspiel einer thermischen Solaranlage mit dem grundsätzlich in jedem Projekt vorhandenen Wärmespeicher Beton. Zugute kommen uns hierbei auch die zunehmend hochwertige Qualität der Gebäudehülle im Neubau und ein von uns entwickeltes MSRL-System (MSRL=Mess- und Regeltechnik).

Wir haben bereits vor mehr als zehn Jahren begonnen, diese Technologie zu entwickeln, und mit der Evaluierung eines jeden der mittlerweile mehr als 20 errichteten vollsolaren Systeme erhöhte sich unser Wissensstand. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen technischen Universitäten und Forschungseinrichtungen ist es uns gelungen, ein marktfähiges Produkt zu schaffen.

Erst kürzlich ist ein renommierter Herstellerbetrieb Wagern Solar in Insolvenz gegangen und ein Branchenkenner Uwe Trenkner ruft in einem offenen Brief auf energynet dazu auf, dass sich das Unternehmen vom Hersteller zu Projektierer entwickeln sollte weil es endlich mehr gute spezialisierte Projektierer braucht. Wie sehen Sie das, warum gibt es so wenige, die sich wirklich auf die vollsolare Versorgung konzentrieren?

Aus meiner Sicht sind die Probleme der Solarthermie-Herstellerbetriebe auf mehrere Punkte zurückzuführen:

Der mehrjährige Hype der Photovoltaik macht sicherlich einen Großteil der Rückgänge in der Solarthermie-Branche aus. Nach unseren Erfahrungen sind die meisten Hersteller von Solarkollektoren nicht besonders flexibel und ich glaube auch nicht, dass sich Industriebetriebe zu besseren Projektierern entwickeln können, weil aus meiner Sicht für eine vollsolare Planung viel mehr nötig ist, als ein profundes Wissen über Solarthermie. Die Solarthermie-Industrie hat jahrelang Verkaufspakete für Installationsbetriebe kreiert, aber niemals eine detaillierte, benutzerorientierte Planung für diese Lösungen mit angeboten.

Wenn man eine vollsolare Beheizung von Gebäuden anstrebt, bewegt man sich zurzeit außerhalb von bestehenden EU- oder DIN-Normen und es gibt auch noch keine standartisierten Berechnungsmethoden zur sicheren Anwendung für Haustechnikplaner. Das Risiko zu scheitern ist vielen Haustechnik-Büros zu hoch, vor allem wenn man bedenkt, dass man in Österreich schon mit einer 95%-Quote (95% solarer Deckungsgrad) als gescheitert beurteilt wird.

Arbeiten Sie in ihrem System auch mit Wärmegestehungskosten? Bei einem anderen Projekt bei dem ich involviert war, konnten wirklich erstaunlich gute Gesamtwerte für die Kombination Solarthermie, Flächenspeicher und Wärmepumpe erzielt werden, wie berechnen Sie die Wirtschaftlichkeit für Ihre Kunden?

Die Berechnung der Wirtschaftlichkeit ist eine extrem wichtige, aber sehr individuelle Anforderung. Um hier seriöse Aussagen machen zu können, sind viele verschiedene Aspekte, wie z.B. Standort, Einstrahlungsleistung, Benutzerverhalten, Synergie-Möglichkeiten und vieles mehr einzubeziehen. Selbstverständlich machen wir für jedes Projekt eine Wirtschaftlichkeitsberechnung und es hat sich gezeigt, dass aufgrund des sehr reduzierten Techniksystems unter Verwendung vorhandener Speichermassen eine hohe Wirtschaftlichkeit relativ einfach zu erreichen ist.

Wie hoch waren die solaren Deckungsgrade bei ihren Projekten?

Für die Beheizung der bereits zuvor erwähnten Projekte im Neubau können wir derzeit in unseren Breiten an nahezu jedem Standort eine 100%ige Solardeckung garantieren. Bei der Nutzung von Gewerbebetrieben entsteht in der Regel ein relativ geringer Warmwasserbedarf, den wir auch in mehreren Objekten zu 100% mit thermischer Solarenergie abdecken konnten. Schwieriger wird es bei Gebäuden, welche durch ihre Nutzung einen hohen Warmwasserbedarf aufweisen. Hier kann eine 100%ige Deckung nur dann gewährleistet werden, wenn man in den Sommermonaten einen potenten Abnehmer für solare Überkapazitäten in ein Wärmenetz einbinden kann. Ansonsten muss der Energiebedarf für die Warmwassererzeugung zu einem relativ geringen Prozentsatz (10 – 40%, je nach Nutzerprofil) mit einem anderen Wärmeerzeugungssystem abgedeckt werden.

In Österreich sind durch die Marktgegebenheiten ja eher Flachkollektoren im Einsatz, haben Sie auch schon einmal mit Röhrenkollektoren gebaut?

Nein, wir haben noch kein Projekt mit Röhrenkollektoren umgesetzt. Dazu muss man sagen, dass für unser System aufgrund der spezifischen Anforderungen auch nicht jeder thermische Solarkollektor geeignet ist. Des Weiteren versuchen wir, bei all unseren Projekten mit möglichst einfachen, industriell gefertigten Standardkomponenten österreichischer Hersteller auszukommen, da die Themen Regionalität, Low Tec und Low Cost in unseren Überlegungen und Planungen eine zentrale Rolle spielen.

Was halten sie vom neuen Förderprogramm für die Sonnenhäuser in Österreich? Könnte das dem Solarthermiemarkt in Österreich einen neuen Schub verpassen?

So wie ich das verstehe, gilt das Förderprogramm nicht nur für die technikintensiven Sonnenhäuser, sondern für alle Projekte, welche eine Versorgung mit Solarenergie mit einem Deckungsgrad von mehr als 70% aufweisen. Grundsätzlich sind solche Förderprogramme ein positives Zeichen, dass auch die Politik diese höchst sinnvolle regionale Energieform unterstützt. Ich denke allerdings, das Förderprogramm kann bestenfalls einen Anstoß darstellen, für einen wirklichen Schub müsste man wesentlich mehr Geld in die Hand nehmen, um diese gefahrlose, nachhaltige, heimische Arbeitsplätze sichernde und emissionsreduzierende Technologie im Sinne der Energiewende großflächig am Markt zu etablieren. Aber ein Anfang ist es allemal.

Woran krankt es Ihrer Meinung nach im Markt derzeit?

Am Mut, neue Wege zu gehen und aus schwierigen Erfahrungen zu lernen sowie an der Fähigkeit, ein gemeinsames, konzentriertes Zusammenarbeiten für ein besseres Auftreten auf dem Markt zu nutzen.

Vielen Dank für diese wirklich interessanten Einblicke in die Welt der solaren Vollversorgung, Herr Kuster und viel Erfolg mit den weiteren Projekten. Vielleicht brauchen Sie bei dem Ein- oder anderen Formel 1 Projekt ja doch irgendwann mal auch den Formel 1 Wagen unter den Kollektoren ;-).

Hier noch die Vortragsfolien eines Vortrages von Herrn Kuster über die aktuellen vollsolaren Projekte.