Doch nicht 50% Solarthermie bis 2050, aber dafür viele andere tolle Ziele

Nach einer Meldung in der Solarthermalword wonach Wien bis 2050 50% Solarthermieanteil haben sollte, haben wir natürlich über diesen Vorstoß berichtet und prompt erfahren, dass das leider lediglich ein Missverständnis war und deshalb entstanden ist, weil die Gesamtziele der Smart City Rahmenstrategie falsch interpretiert wurden. Wir stellen das hier natürlich auch gerne nochmal klar und weil auch die anderen Ziele sehr spannend sind, möchten wir natürlich trotzdem ein Interview mit Bernd Vogl Leiter der Abteilung für Energieplanung (MA 20).

Die Ziele lauten:

  • Reduktion der CO2-Emissionenvon derzeit 3,1 Tonnen pro Kopf auf circa eine Tonne: minus 80 Prozent von 1990 bis 2050
  • Energie: Bis 2050 kommen 50 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen. Der Primärenergieeinsatz sinkt von 3.000 auf 2.000 Watt pro Kopf.
  • Mobilität:Senkung des motorisierten Individualverkehrs von derzeit 28 auf 15 Prozent bis 2030. Bis 2050 fahren alle Autos innerhalb der Stadtgrenzen mit alternativen Antriebstechnologien.
  • Gebäude: Reduktion des Energieverbrauchs für Heizen, Kühlen und Warmwasser um ein Prozent pro Kopf pro Jahr.
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Mag. Bernd Vogl, Leiter der MA 20 in Wien über die Potenziale und Möglichkeiten in Wien

Wer mich kennt, weiß dass ich solche Ziele liebe, aber auch gerne etwas genauer hinschaue, deshalb haben Sie hier die Möglichkeit einmal ganz ausführlich und ohne lästige Journalisten, die alles kürzer und leichter verständlich haben wollen, den Ideen Wiens freien Lauf lassen. Also, Ring frei für Bernd Vogl. Leiter der Energieabteilung der Stadt Wien.

Ecoquent-Postitions: Wie schon erwähnt wurde die Aussage 50% Erneuerbare in 50% Solarthermie umgewandelt. Nun haben Sie die Möglichkeit das klarzustellen aber vorab, wie sieht eigentlich der Energiemix in Wien derzeit aus? Bei wie viel % Erneuerbaren steht Wien gerade?

Bernd Vogl: Wir liegen derzeit bei 11 % erneuerbaren Energien am Energiemix innerhalb der Stadtgrenzen. Das ist für eine Stadt in der Größe Wiens ein durchaus guter Wert auch im internationalen Vergleich. Zusätzlich wird ungefähr die gleiche Menge an Abwärme für das städtische Energiesystem genutzt.

Was ist das genaue Ziel 50%? Sollen es 50% des gesamten Energieverbrauchs inkl. Strom, Wärme und Verkehr sein?

Wir halten uns da an die Definition des Anteils erneuerbarer Energien, die sich aus der einschlägigen EU-Richtlinie ergibt und das ist der Bruttoendenergieverbrauch – der liegt irgendwo zwischen Primär- und Endenergieverbrauch – aber da wird es jetzt schon extrem technisch. Um jetzt noch die zweite Frage ganz konkret zu beantworten, ja es geht um alle Bereiche Strom, Wärme und Verkehr.

Mit welchen Technologien sollen diese 50% geschafft werden? Gibt es eine ungefähre Aufteilung? 

Es wird ein Mix unterschiedlicher Technologien sein, wie schon heute. Eine genaue Berechnung von Teilzielen für einzelne Technologien für einen so langen Zeitraum wurde noch nicht gemacht und wäre mit großen Unsicherheiten behaftet. Wir denken aber schon daran, für einzelne Bereiche, v.a. den Wärmesektor ein Bild für 2050 zu entwickeln, da wir ja auch mit dem Stadtentwicklungsplan 2025 dieses Jahr einen Beschluss für die Einführung von Energieraumplanung gefasst haben und es da Wechselwirkungen geben sollte. Bis 2030 wollen wir einen detaillierten Plan zur Beschlussfassung bringen, den „Renewable Action Plan Vienna“. Bis 2030 sehen wir die größten Potenziale im Bereiche der tiefen Geothermie, der Umgebungswärme und den solaren Energien Photovoltaik und Solarwärme.

In den Zielen zur City Roadmap ist auch der angestrebte Primärenergieeinsatz pro Kopf angesetzt ist. Ist das jener Wert, der auch für die 2000 Watt Gesellschaft angesetzt ist? Da vermute ich die Wiener eher bei 6000-7000 Watt weil ich selbst als energiesparsamer Mensch schon bei etwa 4000 liege. Wie kam der Wert von 3000 Watt zustande?

Ich hoffe wir reden hier vom Gleichen: 2000 Watt – Gesellschaft bedeutet einen Energieverbrauch pro Kopf von etwas über 17.000 kWh. Trotzdem sind 3000 Watt ein extrem guter Wert für Wien, der mich auch ein wenig überrascht hat! Die 6000 – 7000 Watt sind der österreichische Durchschnitt. Jede Wienerin, jeder Wiener kommt mit der Hälfte aus. Die Gründe dafür liegen v.a. im Wärmebereich, da eine dichte Stadt viel effizienter beheizt werden kann, als ländliche Gebiete und Wien zusätzlich fast 40% der Wärme aus Fernwärme bezieht. Auch bietet Wien vielfältige Möglichkeiten ohne Auto mobil zu sein. Was in den 3000 Watt jedoch nicht enthalten ist, sind sämtliche Mengen an grauer Energie, die in Produkten und Nahrungsmitteln steckt und der Flugverkehr. Der Flugverkehr steckt in der niederösterreichischen Energiebilanz und aus den Schweizer Erfahrungen wissen wir, dass dieser in der Größenordnung von 300-400 Watt liegt. (Anm. d. Red.: Der Wiener Flughafen liegt in Schwechat und damit schon im anliegenden Bundesland Niederösterreich, diese Emissionen werden daher nicht den Wiener angelastet und reduzieren deren CO2 Rucksack)

Und nun zum eigentlichen Hauptthema. Welche Pläne gibt es in Sachen Solarthermie in Wien? Wie viel soll nun tatsächlich ausgebaut werden?

Die Frage kann man meines Erachtens so nicht stellen. Ich bin weder der Besteller noch der Errichter von Solarthermie. Die Stadt hat mit 300.000 m2 bis 2020 ein sehr ambitioniertes Ziel im Bereich der Solarthermie, jedoch sind wir bei der Umsetzung von 2 Dingen abhängig: Das erste sind die Rahmenbedingungen wofür die Stadt weitgehend selber verantwortlich ist. Hier haben wir aus meiner Sicht die Hausaufgaben gemacht. Es gibt wunderbare Förderungen (1 Million/Jahr), es gibt sogar eine Solarverpflichtung für Nicht-Wohngebäude, es gibt sehr positive Aufklärungsarbeit der MA 20 zum Thema und wir sind hier auch mit dem Verband in einem guten Dialog. Der zweite Punkt – und den können wir nicht direkt beeinflussen – sind die Investitionen der Bauwirtschaft. Ich denke da hat sich seit meiner Zeit in der MA 20 doch einiges bewegt und es wird gerade an einigen wegweisenden Projekten in Wien gearbeitet. Aber wie gesagt wir sind nicht die Investoren die es braucht.

Solare Fernwärme ist ein Lieblingsthema von uns. Gibt es ähnliche Pläne wie in Hamburg von EON Hanse Wärme wo private Anlagenbetreiber auch direkt bei der Fernwärme einspeisen können

Ein schwieriges Thema in Wien, weil man bis jetzt davon ausgegangen ist mit Abwärme aus den KWK – Anlagen und der Müllverbrennung das Auslangen zu finden. Hier hat sich die Situation aber grundlegend geändert, da der ökonomische Betrieb der KWK – Anlagen derzeit gefährdet ist. Somit steht das Thema neue Quellen aus Erneuerbaren und Abwärme für die Fernwärme ganz oben auf der energiepolitischen Agenda. Das bedeutet auch, dass man über Solarwärme für die Fernwärme nachdenken wird. In Graz passiert gerade ein ähnlicher Prozess.

Vielen Dank Herr Vogl, für dieses wirklich aufschlussreiche Interview mit sehr tiefgehenden Einsichten. Auch gut zu wissen, dass sich die Stadt für solare Fernwärme rüstet. Wir haben dazu auch eine sehr interessante Diplomarbeit, die wir hier bald vorstellen werden. Ich sag nur: Es tut sich was!