Da wir uns nicht nur mit Solarkollektoren beschäftigen wollen, sondern ganz im Sinne der Ecoquenz auch mit Metathemen der Energiewirtschaft, möchte ich heute auf ein schon wieder etwas in Vergessenheit geratenes Thema zurückkommen – Atomkraft. Auch wenn dieser Blog indirekt und mit viel Verspätung durch die Verseuchung der Haselnüsse entstanden ist ;-).

Schon die Katastrophe von Tschernobyl hätte die Energiewende ernsthaft einleiten müssen. Doch Experten wurden nicht müde zu betonen, dass dergleichen in unseren westlichen Industrieländern nie passieren könne: Die bösen Sowjets hätten halt nicht aufgepasst. Und doch führte 2011 in Fukushima ein vorhersehbares Erdbeben zum Super-GAU in einem Kernkraftwerk US-amerikanischer Bauart – zu einem so genannten Major accident, Stufe 7 auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES). Ein Vierteljahrhundert lang belegte Tschernobyl diesen traurigen Spitzenplatz allein. Was können wir nun für Fukushima Dai-ichi daraus lernen?

Strahlenkrankheit und Spätfolgen

In Tschernobyl wurden unzählige Einsatzkräfte, so genannte Liquidatoren, hohen Strahlendosen ausgesetzt. Laut einer Studie der WHO starben 28 Menschen kurz nach der Katastrophe an der Strahlenkrankheit. Die Zahl der bis heute von Langzeitschäden betroffenen oder bereits verstorbenen Menschen geht in die Hunderttausende, die Bevölkerung der Ukraine und der angrenzenden Länder leidet bis heute unter den Folgen der Katastrophe. Die Störfallserie in Fukushima wird kaum weniger Leid zur Folge haben. Die Erfahrungen mit Tschernobyl zeigen auch, dass ein Major accident nicht lokal begrenzbar ist: Schon wenige Tage nach dem 26.4.1986 wurden in ganz Europa erhöhte Strahlenwerte gemessen, zum Teil mit lang anhaltender Wirkung. Das Deutsche Bundesamt für Strahlenschutz bescheinigt bayerischen Wildschweinen und Pilzen auch 2012 noch eine exorbitante Belastung mit radioaktivem Cäsium 137.

Beton statt Zelte

Wind und Wetter hatten radioaktives Material aus dem Unglücksreaktor längst über ganz Europa verteilt, als der Reaktor von Tschernobyl schließlich mit einem Sarkophag aus Beton abgedeckt wurde. Doch die Betonhülle ist inzwischen einsturzgefährdet; die Strahlung hat sie mürbe gemacht. Deshalb wird derzeit ein neuer Sarkophag gebaut. Rund 1,5 Milliarden Euro soll er kosten, das Bauende ist für 2015 vorgesehen. Dann wird man mit dem Abbau des Unglücksreaktors beginnen und ein Lager für atomare Abfälle schaffen.  In Fukushima behilft man sich derzeit mit einem Zelt. Über das genaue Ausmaß der Schäden in Fukushima wissen wir noch viel zu wenig – die Informationspolitik ähnelt erschreckend jener nach Tschernobyl – doch fest steht, dass die Region auf Jahrzehnte verstrahlt sein wird. Trotzdem plant die japanische Regierung, Teile der verstrahlten Gebiete zu dekontaminieren und die Rückkehr der Bevölkerung zu ermöglichen. Doch selbst wenn die Gebäude mit Dampfstrahlern abgewaschen, Pflanzen gerodet und Böden mit unbelastetem Material bedeckt werden – es kann sich doch nur um eine Verdünnung und Umverteilung radioaktiven Materials handeln. Selbst wenn es gelingt, Abwässer und Abfälle zu sammeln – wohin damit? Das einzig Sinnvolle, was Japan jetzt noch tun kann, ist das Sperrgebiet aufrecht zu erhalten und das ohnehin hoffnungslos verstrahlte Reaktorgelände als Lager für radioaktive Abfälle zu nutzen.

Fukushima Dai-ichi, Reaktorblöcke 1 bis 4 am 16. März 2011

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